Buchtipp

Ein Bild von Lydia
von Lukas Hartmann

An der Beerdigung denkt Luise zurück an ihre Zeit, welche sie mit zuerst der gnädigen Frau oder Frau Welti, dann aber immer häufiger in vertrauten Momenten mit Lydia verbracht hat. Nach der Scheidung hatte sie ja wieder Frau Escher genannt werden wollen. Die Zeiten, als sie als reichste Frau der Schweiz bezeichnet worden war, gehörten der Vergangenheit an. Wer war Lydia in Wirklichkeit? Selbst Luise konnte das nicht genau sagen. Der Rückblick auf Luises Dienstjahre im Hause Welti-Escher ist ein Rückblick auf eine Beziehung, die in Lydias Leben ungemein wichtig war und auch Luises Leben prägte. Als der Maler Karl Stauffer ein Porträt von Lydia anfertigen soll, entflammt diese in einer fatalen Liebe zum Künstler. Eine Amour fou, die das ausgehende 19. Jahrhundert in der Schweiz durchrüttelte und für viel Gesprächsstoff sorgte. Die in ihren Zwängen und der Zeit gefangene, gebildete Lydia fand in ihrem Dienstmädchen ihre vielleicht einzige Vertraute, ja gar Freundin. So vieles haben die beiden Frauen durchgemacht, jetzt endet ihre gemeinsame Zeit, Lydia lebt nicht mehr. Es schmerzt nicht zuletzt auch die Tatsache, dass die noblen Herrschaften nie anerkannten, was Luise als Vertraute Lydias eigentlich alles geleistet hat.

Fazit: Louise, weitaus mehr als ein Dienstmädchen!
Lukas Hartmann erzählt einerseits eine spannende Amour fou am Ende des 19. Jahrhunderts in der Schweiz, doch weitaus beeindruckender ist die Geschichte der Freundschaft der beiden so ungleichen Frauen, die auf wahren Begebenheiten beruht. Marie Louise Gaugler, welche aus einfachsten Verhältnissen kam, stellte sich als loyale wie treue Begleiterin an Lydas Seite und stellte diese Beziehung gar über ihr privates Glück. Lukas Hartmann hat seinen Roman auf diese beiden Frauen ausgerichtet und das ist ein kostbares Geschenk. Es gibt ja einige andere biografische Texte zu diesem Skandal. Ein grossartiges Buch über gleich zwei grossartige Frauen!

 

Manuela Hofstätter / lesefieber.ch / buchbon.ch

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